03.05.:
Peter Doherty, Esch-sur-Alzette (Luxemburg), Rockhal Club
[
English version] Ich wusste nicht so wirklich, was ich erwarten sollte, als ich mein Ticket kaufte. Ab und an liefen
Down in Albion und
Shotter’s Nation der
Babyshambles bei mir auf iTunes - im Zufallsmodus, d.h. zwanzig Songs in einem Pool von 12.000… Die Ska/Reggae-Elemente nerven mich ehrlich gesagt eher; andererseits fand ich die Musik doch gut (und war neugierig genug), um Herrn Doherty einmal näher unter die Lupe zu nehmen.
Doherty begann sein Set gegen Viertel vor zehn und stieg… schlenderte… äh, na ja, stolperte auf und über die Bühne. Mich beschlich ein unangenehmes Gefühl - war das nicht genau das, was jeder erwartete? Er tat jedenfalls sein Bestes, die ihm zugedachte Rolle auszufüllen.
Das Set
Im Verlauf seines Solo-Akustik-Sets spielte er sowohl Tracks seines neuesten Solo-Debuts
Grace/Wastelands (
Last Of The English Roses, Salome, New Love Grows On Trees) als auch einige Babyshambles-Songs wie z.B.
Albion.
Während er kunstfertig durch sein Set schrammelte, übernahm er alle Parts seines Ein-Personen-Stücks: Rhythmus, Lead, Vocals. Nicht nur das, er gab einen erstklassigen Entertainer ab. Erst gegen Ende gesellte sich Michael Whitnall von den Babyshambles als Gast zu ihm. Whitnall steuerte Gitarre, Harmonica und Vocals bei. Teil seines Beitrags war eine gemeinsame Improvisation, die sich zu seinen Ungunsten nicht so recht entwickeln wollte, wie ich zugeben muss. Doherty schrammelte davon, während Whitnall sich leider nicht einfinden konnte.
Einbeziehen
Irgendwann erkennt man es unweigerlich - ich gehe nicht davon aus, dass es ihm tatsächlich bewusst ist, aber er interagiert;
er hat den Draht zum Publikum.
Nahezu alles, was auf die Bühne geworfen wird, hebt er auf. Betrachtet es. Und nimmt es später mit. Eine Perlenkette? Er hängt sie sich zu den hysterischen Schreien seiner Fans um (anzunehmenderweise insbesondere Artikulationen der Werferin). Papierschnippsel? Die meisten liest er, einige zeigt er dem Publikum und liest sie laut vor. Jemand ruft? Doherty nimmt es auf und gestaltet daraus einen Wortwechsel. Einige der Girlies wünschen sich einen Song? Da braucht es kein langes Warten, Peter spielt es schon.
Slapstick, Entertainment, Kunstfertigkeit, Interaktivität, Kreativität. Peter Doherty hat es und kann es.
Medienbekanntheit: ja - aber nicht auf Kosten der Musik
Schauen wir es uns mal aus der Marketing-Perspektive an. Das Üble ist, dass das alles beherrschende Hauptelement des Marketings Dohertys Lebensstil ist (wenn man denn diesen Euphemismus verwenden möchte). Genauer betrachtet, geht es um Missbrauch, Versagen und Tragik.
Zugegebenermaßen, habe ich diese Auswirkung der medialen Wahrnehmung an mir selber feststellen müssen. Dohertys Medienpräsenz, mit der die meisten vertraut sind, entspricht am ehesten dem Folgenden:
“Das ist der Kate-Moss-Drogen-konsumierende-verhaftet-betrunkene-Loser-Typ, weisste.” Hätte es sich nicht zufällig ergeben, hätte ich wohl kaum die
Musik der Babyshambles kennengelernt. Mir waren nur die plakativen Stories seiner Skandale bekannt - und bewusst.
Das Online-Erlebnis
Schön zu sehen, dass er eine eigene Website online hat:
French Dog Blues. Und er macht es richtig - kostenlose Downloads, kostenpflichtige Mitgliedschaft, Shop, Forum etc. Es passt perfekt in das Konzept seiner Bühnenpräsenz und seines Auftritts. Das Layout ist hier und da nicht ganz konsequent, und bei der Benutzerführung hakt es schon mal - darüber sieht man momentan gern hinweg. Hoffentlich schafft Doherty, seine Qualität auch dann beizubehalten, wenn er nüchtern ist.
Wie auch immer, ich bin mittlerweile von seinem Talent überzeugt. Doherty ist ein begnadeter Songwriter und ein Auftritt wie dieser zeigen Leidenschaft und Sehnsucht, wie wir sie heute nur selten finden.
P.S.: The Bony King of Nowhere (Gent/Belgium) spielten als Opener. Mir haben sie ausnehmend gut gefallen. Eigentlich ziehe ich ihre Musik sogar der von Peter Doherty vor (dem Stil nach). Aber ihr Marketing zeigt einige Lücken. Daher verdienen sie einen eigenen Artikel - der in Kürze folgt.
Wollte eigentlich nur sagen, dass der Beitrag sehr schön geschrieben ist und dass ich bei French Dog Blues einiges runtergeladen habe. Positiv fand ich dort, dass Upload-Sharing-Sites verwendet wurden, negativ, dass es eine nervige Flashseite ist.
In der Tat hat Doherty’s Site einige Macken - abgesehen vom Flash.
Der Artikel zur BBC kommt übrigens. Vermutlich morgen. Nächste Woche soll der Zwischenbericht der Beratung des BBC Trust zum Thema Project Marquee der Öffentlichkeit vorgelegt werden.